Staatsoper Stuttgart – Juditha triumphans

Juditha triumphans
Foto ©Martin Sigmund

Im März 2020 wurde die von der Staatsoper Stuttgart geplante Neuproduktion von Vivaldis Juditha triumphans unmittelbar nach der Generalprobe durch den Lockdown abrupt gestoppt. 22 Monate später konnte die Inszenierung endlich der Öffentlichkeit präsentiert werden, mit leicht veränderter Stimmencast und einem anderen Dirigenten als der ursprünglich geplanten Besetzung. Ich glaube, dass das erste Lob in diesem Bericht des Abends dem Stuttgarter Publikum gelten sollte, das trotz der absurden Einschränkungen einer völlig sinnlosen Coronapolitik, die nur auf symbolischen Maßnahmen basiert ist, die eingeschränkten Kapazitäten des Theaters vollständig gefüllt hat. Aus dieser Perspektive zeigte der Abend einmal mehr, dass Kultur unverzichtbar ist und die Lust am Musikhören stärker ist als die immer wieder von der Landesregierung gestellten Hemmnisse für Theater- und Musikinstitutionen. 

Juditha triumphans
Foto ©Martin Sigmund

Juditha triumphans devicta Holofernis barbarie (Judith triumphiert über die Barbaren von Holofernes), RV 644, ist ein Oratorium von Antonio Vivaldi, dem einzigen Überlebenden der vier, von denen bekannt ist, dass der Musiker komponiert hat. Obwohl der Rest des Oratoriums vollständig erhalten ist, ist die Ouvertüre verschollen. Das lateinische Libretto wurde von Iacopo Cassetti nach dem biblischen Buch Judith geschrieben. Das genaue Datum der Komposition und Uraufführung von Juditha triumphans ist nicht bekannt, aber dieses Werk war sicherlich eine allegorische Beschreibung des Sieges der Venezianer (Christen) über die Türken im August 1716. Das Werk wurde in Auftrag gegeben, um den Sieg der Republik zu feiern von Venedig auf die Türken während der Belagerung von Korfu: Im Juli 1716 waren die Türken auf Korfu gelandet und hatten die Insel belagert. Die Bevölkerung widersetzte sich der Besetzung und im August unterzeichnete Venedig ein Bündnis mit dem Heiligen Römischen Reich. Am 18. August wurde unter der Führung von Graf Johann Matthias von der Schulenburg die Entscheidungsschlacht gewonnen und die Türken verließen die Insel. Vivaldi schrieb das Oratorium für seine Schülerinnen des Pio Ospedale della Pietà, einem Waisenhaus und Konservatorium, das von der Serenissima Repubblica gegründet wurde, um Mädchen aus armen Familien oder Töchtern unbekannter Mütter eine Ausbildung zu ermöglichen. Der venezianische Komponist schrieb einen Großteil seiner Produktion für die Mädchen, die Gäste dieses Instituts waren, wo er von 1704 bis 1740 unterrichtete.

Die Vorteile der lateinischen vertonten Text waren vielfältig, abgesehen vom propagandistischen Aspekt gegenüber der Kirche selbst. Erstens galt Latein als würdevoller und wertete die Ausbildung der figlie di Choro, wie die Musikschülerinnen der Pietà genannt wurden, auf. Zweitens eröffneten sich lokalen Schriftstellern neue Geschäftsmöglichkeiten, indem sie in einer Sprache komponierten, die die Oper nicht in Betracht zog oder kommerzialisierte. Drittens und letztens war das erwünschte Publikum für die Aufführungen in den Ospedale della Pietà ein hochgebildetes und einfallsreiches Publikum, und das Bild, das unter diesem Gesichtspunkt projiziert wurde, war mit den Werken in lateinischer Sprache unschlagbar: keiner, der dem Adel angehörte, war seinen Anfängen fremd. Man muss erinnern daran, dass die Erziehung in Waisenhäusern in der Verantwortung religiöser Gemeinden lag, die Institution selbst weltlich war und aus privaten Mitteln des Adels finanziert wurde. Die lateinische Redekunst verbreitete sich so stark und so schnell, dass ab 1715 bis zum Ende der Republik kein Ospedale mehr die Volkssprachen verwendete.

Juditha triumphans
Foto ©Martin Sigmund

An dem Abend, von dem ich schreibe, war die musikalische Darbietung dieser faszinierenden Partitur sicherlich auf exzellentem Niveau. Benjamin Bayl, 44-jähriger australischer Cembalist und Dirigent, derzeit stellvertretender Leiter des Ensembles Hannover Band, konzertierte die Aufführung mit ausgezeichnetem Stilgefühl und philologischer Aufmerksamkeit. Das Staatsorchester Stuttgart zeigte eine hervorragende Spielfähigkeit nach historisch informierter Spielpraxis, mit hervorragender Klangqualität und wahrhaft hervorragender phrasierender Flexibilität. Die Besetzung umfasste einige der schönsten Frauenstimmen des Ensembles der Staatsoper. Sehr gut wirkte die Juditha dargestellt von Rachael Wilson, einer jungen amerikanischen Mezzosopranistin, die seit kurzem dem Ensemble der Staatsoper beigetreten ist. Die in Las Vegas geborene Sängerin ist eine sensible, musikalische Interpretin und sehr aufmerksam auf die Nuancen des Textes, außerdem sicher in der Ausführung der Koloraturschritte. Exzellent war auch die Darstellung von Holofernes durch die junge Altistin Stine Marie Fischer, eine der vielversprechendsten Stimmen im Ensemble der Staatsoper Stuttgart, die die schöne Bräunung ihrer Stimmfarbe und eine bemerkenswerte Musikalität zeigte, die für ein anspruchsvolles Schreiben geeignet ist wie der von Vivaldi, der neben technischer Sicherheit auch höchste Präzision bei den Eingriffen erfordert. Aber die eigentliche Gewinnerin des Abends war zweifelsohne Diana Haller in der Rolle des Vagaus. Ihre absolute Beherrschung der Technik demonstrierte die 35-jährige kroatische Sängerin in die coloratura di forza erneut mit einer höchst spektakulären Darbietung von Arien im Stil grande agitato wie „Armatae face et anguibus“, in denen die Virtuosin wahrhaft begeisterte. Sehr korrekt war auch die Wiedergabe der Nebenrollen, die Gaia Petrone und Linsey Coppens, zwei jungen Sängerinnen des Opernstudios der Staatsoper, anvertraut wurden.

Juditha triumphans
Foto ©Martin Sigmund

Die Oratorien wurden konzipiert, um in Konzertform aufgeführt zu werden, und die Angewohnheit, sie in Bühnenform aufzustellen, ist ziemlich neu. Das Hauptproblem besteht in diesen Fällen in einer statische Handlung, die nicht dem theatralischen Rhythmus folgt, sondern nur der Entwicklung der Musik. In dieser Produktion wurde das Problem ziemlich überzeugend gelöst. Die Regie konzipiert von Silvia Costa, einer 38-jährigen Regisseurin aus Treviso, die intensiv mit Romeo Castellucci zusammengearbeitet hat, war für die in sehr nüchternen Tönen und ohne eklatante Übertreibungen gesetzten Schauspieler sicherlich bemerkenswert. Der gesamte erste Teil basierte auf einer komplett weißen Szene und Kostümen, die im zweiten Teil allmählich rot wurden, um das Blutvergießen während der Tötung von Holofernes zu symbolisieren. Insgesamt eine beachtliche Inszenierung mit eigener Logik und Stil, sehr geradlinig und ohne Prunk vorgetragen. Die Kombination des visuellen Teils mit der fließenden Flüssigkeit von Vivaldis Musik führte zu einem wirklich bemerkenswerten Abend aufgrund der Kohärenz und Geläufigkeit der szenischen Erzählung. Das Publikum applaudierte allen Protagonisten mit einer Begeisterung, die die reduzierte Kapazität von 500 Zuschauern fast vergessen ließ. Vereinzelte Widerspruchsbekundungen wurden an die Verantwortlichen des Bühnenrealisierung gerichtet.

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Pubblicato da

mozart2006

Teacher, freelance musical journalist and blogger

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