Staatsoper Stuttgart – Das Rheingold

Das Rheingold
Foto ©Matthias Baus

Die Staatsoper Stuttgart nimmt in der Geschichte der Wagner-Interpretation seit jeher eine führende Stellung ein. Eine der bedeutendsten künstlerischen Leistungen der letzten Jahrzehnte war sicherlich der berühmte Stuttgarter Ring, der zwischen 1999 und 2000 inszeniert und vier verschiedenen Regisseuren anvertraut wurde: Joachim Schlömer für Das Rheingold, Christof Nel für Die Walküre, Jossi Wieler und Sergio Morabito für Siegfried und Peter Konwitscnhy für Götterdämmerung. Eine von Publikum und Kritik gefeierte Produktion, die bis heute als eine der bedeutendsten künstlerischen Leistungen der Intendanz von Klaus Zeheilein in Erinnerung bleibt, die mehrfach im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde und auch auf DVD erhältlich ist. Darüber hinaus erfreuen sich die Wagner-Produktionen der Staatsoper Stuttgart seit jeher großer Bekanntheit. In den 1960er Jahren wurde die Württembergische Staatsoper wegen der Qualität der Inszenierung und der permanenten Präsenz in den Spielpläne von Künstlern wie Wieland Wagner und Wolfgang Windgassen, die wesentliche Seiten der Wagner-Interpretationsgeschichte schrieben, sogar als Winter-Bayreuth definiert. Eine wagnersche Tradition mit alten Wurzeln: Man darf nicht vergessen, dass Stuttgart als erste deutsche Stadt nach dem Original in Bayreuth eine eigene Ringinszenierung errichtet hat und auch die Bayreuther Festspiele seit jeher auf eine starke Präsenz zählen konnten Orchestermusiker und Chorsänger der Staatsoper Stuttgart. Auch heute zählt dieses Theater viele Wagner-Fans im Publikum, so dass die Aufführungen der Werke des Leipziger Komponisten immer zu denen gehören, für die Plätze weit im Voraus gebucht werden müssen. Wer zu einer Wagner-Aufführung nach Stuttgart kommt, zeigt dies in der absoluten Konzentration, mit der das Publikum der Staatsoper der Aufführung beiwohnt, und in der instinktiven stilistischen Verbundenheit, mit der Orchester und Chor eine Musik aufführen, die wahrhaft für die Musiker eine Art Muttersprache definiert werden kann.

Das Rheingold
Foto ©Matthias Baus

Als im März 1999 der erste Teil der Tetralogie Das Rheingold Premiere hatte, war das Staunen groß über das Konzept der Stuttgarter Opernintendanz, den Ring von vier verschiedenen Regisseuren inszenieren zu lassen. Intendant Klaus Zehelein begründete damals diese Idee mit dem Abschied von allen Ansprüchen, die Wagners Welt in ihrer Totalität einer einzigen Erklärung zu unterwerfen, mit dem Abschied von utopischen Weltentwürfen, zumal, die mit dem zu Ende gegangenen 20. Jahrhundert obsolet geworden seien. Darüber hinaus zeigt die Chronologie der schöpferischen Entwicklung des Rings deutlich mehrere Phasen des Stillstands mit Unterbrechungen, also ein Projekt, das sich gegenüber der ursprünglichen Konzeption mehrfach verändert hat. Es schien nicht sinnlos, so Zehelein, die Teile einzeln zu zerlegen, zu betrachten und dann – vielleicht – klarer zu erkennen, was die Tetralogie in Innersten zusammenhält.

Das Rheingold
Foto ©Matthias Baus

Mehr als zwanzig Jahre später beschloss die neue künstlerische Leitung der Staatsoper Stuttgart, das Konzept der vier verschiedenen Regien für eine Neuinszenierung des monumentalen Wagner-Zyklus unter der Leitung des Generalmusikdirektors des Theaters, Cornelius Meister aufzugreifen.Die ersten beiden Tage des Rings werden in der laufenden Saison aufgeführt, die restlichen zwei in der nächsten.In der Spielzeit 2023/24 sollen zwei bis drei Aufführungen des gesamten Zyklus stattfinden. Für Das Rheingold, den Prolog des Zyklus, mit dem das Projekt begann, wurde der szenische Teil von Stephan Kimmich geschaffen, dem Stuttgarter Regisseur, der 2019 mit seiner Inszenierung von Der Prinz von Homburg gute Erfolge erzielt hatte. Leider war das Ergebnis diesmal nicht so zufriedenstellend. Abgesehen von der eher skurrilen Idee, die Entfaltung der Geschichte unter den Künstlern eines Zirkus zu verorten, wirkte die Art und Weise, wie der Regisseur die szenische Geschichte führte, ziemlich verwirrend. Aus meiner Sicht hatte ich den deutlichen Eindruck, dass die einzelnen Episoden nicht zu einer Gesamterzählung zusammengefügt wurden und manche Funde wie die der Fahrradfahrerin Erda, bedeutungslos erschienen. Das Gesamtergebnis der Inszenierung war ausgesprochen ungenügend und zeugte von mangelndem Verständnis für die Problematik des Textes.

Das Rheingold
Foto ©Matthias Baus

Der musikalische Teil war auf einem deutlich höheren Niveau souverän und interpretatorisch ausgereift von Cornelius Meister geleitet, dessen Dirigat die großartigen Ergebnisse von Lohengrin vor drei Jahren wiederholte. Der 41-jährige Hannoveraner Musiker besitzt die nötige technische Sicherheit, um alle Verflechtungen einer sehr komplexen Partitur zu entwirren und die Leitmotive, die irh relevantes Gefüge bilden, perfekt hervorzuheben. Die musikalische Konzeption von Cornelius Meister schien mehr auf die Erforschung der Beziehungen zwischen den verschiedenen Charakteren als auf die epischen und mythologischen Aspekte des Textes zu achten und wurde von einem Staatsorchester Stuttgart hervorragend ausgearbeitet, das in wahrhaft erstaunlicher Form erschien und seine tiefe stilistische Affinität zu Wagners noch einmal bestätigte Musik. Den Bedürfnissen der Partitur voll und ganz angemessen war auch die Gesangskompanie, die fast ausschließlich aus stabilen Mitgliedern des Staatsopernensembles bestand. Der kroatische Bass Goran Jurić gab eine gute Darstellung von Wotan mit einer Phrasierung eines introvertierten Tons und besorgt über die Unveränderlichkeit des Schicksals. Sehr gut war auch die Leistung der amerikanischen Mezzosopranistin Rachael Wilson. Die in Las Vegas geborene Sängerin ist eine sensible musikalische Interpretin und sehr aufmerksam auf die Nuancen des Textes, und ihre Darstellung von Fricka war sowohl interessant als auch für den leidenschaftlichen Ton der Phrasierung sehr überzeugend. Großartige war die Leistung von Matthias Klink als Loge. Der aus Fellbach stammende Tenor, einer der beliebtesten Sänger des Stuttgarter Publikums, beeindruckte durch die Vielfalt der Akzentuierung und die Feinheiten einer absolut perfekten Diktion, die alle Nuancen des eigentlichen dramaturgischen Dreh- und Angelpunkts der Geschichte wiedergab. Stine Marie Fischer in der Rolle der Erda konnte alle Vorzüge einer schönen, dunklen und polierten Stimme eines echten Alts mit einem eher besorgten als bedrohlichen Phrasierungston zeigen. Die Freia der jungen hessischen Sopranistin Esther Dierkes steht auch sehr gut für die leidenschaftlichen Akzente ihrer Interpretation. Der Londoner Bariton Leigh Melrose spielte einen Alberich mit eher schmerzlichem als wütendem Ton, sehr prägnant in der Fluchszene. Die beiden Giganten Fasolt und Fafner wurden von David Steffens und Adam Palka mit dunklen und tiefen Stimmen gespielt, perfekt abgestimmt auf die Erhabenheit und den bedrohlichen Ton der beiden Seiten. Auch die Darstellungen von Moritz Kallenberg (Froh), Paweł Konik (Donner), Elmar Gilbertsson und den drei Rheinstöchtern (Tamara Banješević, Ida Ränzlöv und Aytaj Shikhalidze) waren szenisch und stimmlich sehr erfolgreich. Am Ende langer Applaus für alle Mitglieder des musikalischen Teils und viele Buhrufe für die Inszenierungsverantwortlichen.

Pubblicato da

mozart2006

Teacher, freelance musical journalist and blogger

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