Staatsoper Stuttgart – Die Verurteilung des Lukullus

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Foto ©Martin Sigmund

Es war wirklich ein besonderer Moment für die Zuschauer der Staatsoper, die Premiere der Neuinszenierung von Die Verurteilung des Lukullus, die den Auftakt der Spielzeit 2021/22 darstellt. Es war eigentlich die erste Aufführung, die nach fast neunzehn Monaten mit vollständig gefülltem Saal stattfand. Wie auch der Intendant Viktor Schöner in seiner Begrüßung vor der Vorstellung feststellte, reagierten die Zuschauer begeistert und füllten das Theater in jeder Sitzreihenfolge. Auch aus musikalischer Sicht war das Niveau des Abends sicherlich mehr als zufriedenstellend. Wie eingangs erwähnt, der von der künstlerischen Leitung gewählte Titel für diesen Eröffnungsabend war Die Verurteilung des Lukullus, deren Libretto Brecht einem Radiostück entlehnte, das er während seines Exils in den USA veröffentlicht wurde.

Die ersten Kontakte zwischen Brecht und Dessau zur Umsetzung der Radiokomödie in ein Opernlibretto fanden Mitte der 1940-er Jahre im amerikanischen Exil statt. Realisiert wurde das Projekt jedoch erst nach ihrer Rückkehr in ihre Heimat, die 1948 stattfand. aber die Neuverarbeitung hatte nicht nur szenisch-musikalische Gründe. Die Anpassungsarbeiten beinhalteten auffällige Kürzungen und eine Reihe tiefgreifender Änderungen am Originaltext. Tatsächlich endete die Fassung von 1939 ohne ein klares Schuldurteil gegen den römischen Feldherrn. Die Reflexion über die jüngsten Ereignisse der Geschichte – unter anderen der Zusammenbruch des NS-Regimes und der Nürnberger Prozess – veranlasste Brecht, die Verse, die auch nur die leiseste Sympathie für Lucullus suggerieren könnten, aus dem Text zu streichen und die Schlussszene umzuschreiben, in der die Verurteilung des Protagonist eingefügt wurde. Unter dem unveränderten Titel Das Verhör des Lukullus wurde die Oper auf Einladung am 17. März 1951 an der Deutschen Staatsoper in Ost-Berlin uraufgeführt.

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Foto ©Martin Sigmund

Der Uraufführung hinter verschlossenen Türen war von Brecht und Dessau dringend gewünscht worden: Sie hatten von der kommunistischen Regierung der DDR die zwingende “Einladung“ erhalten, das von der Zensur des Formalismus beschuldigte Werk zurückzuziehen, obwohl es bereits auf der Spielplan stand und die Proben hatten begonnen. Daher war der Vorschlag der beiden Autoren, auf jeden Fall eine Ausführung für ein ausgewähltes Publikum zu erreichen, damit das Werk bekannt und besser bewertet werden kann. Die an die Aufführung anschließende Diskussion hatte eher politische als ästhetische Fragen zum Gegenstand, so die Kritiker des Werks der beiden Autoren, aus der Arbeit soll eine klare Unterscheidung zwischen Angriffs- und Verteidigungskriegen hervorgegangen sein. Das geht zumindest aus den Protokollen der Debatte hervor, die sich in Berlin befinden und der Theaterwissenschaftler zugänglich sind.

Brecht änderte “im Geiste der Diskussion” zahlreiche Punkte und schließlich erreichte das Werk mit dem neuen, expliziteren Titel Die Verurteilung des Lukullus am 12. Oktober desselben Jahres die öffentliche Aufführung. Erst nach der fortschreitenden Verbesserung der politischen Beziehungen zwischen Ost und West, die in der zweiten Hälfte der 1950-er Jahre einsetzte, stieg die Zahl ihrer Aufführungen so stark an, dass sie zu einem der meistgespielten Werke des zeitgenössischen Repertoires im Laufe der Zeit wurde. Später wurde von Dessau anlässlich der Inszenierung der Oper 1968 in Dresden eine Neufassung angefertigt.

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Foto ©Martin Sigmund

Zu dieser Saisoneröffnung hat sich die Staatsoper Stuttgart alle Mühe gegeben, eine qualitativ hochwertige musikalische und szenische Aufführung zu präsentieren. Bernhard Kontarsky, der jüngere Bruder der beiden Pianisten des berühmten Duos, ist ein Dirigent, der in der Vergangenheit oft in Stuttgart für Erstaufführungen zeitgenössischer Musik gearbeitet hat. Sein intensiv und dramatisch Dirigat, das von Klängen wilder Gewalt bis hin zu Momenten erstaunter Halluzinationen reichte, brachte alle Aspekte von Dessaus Werk perfekt zur Geltung. Absolut fehlerfrei war der Auftritt des Staatsorchesters Stuttgart, für diesen Abend in einer Besetzung, die nur Basssaiten, Trompeten, Flöten, Posaunen, eine große Reihe von Schlaginstrumenten und zwei präparierte Klaviere umfasste.

Der Beweis der Gesangsbesetzung war auch wirklich hervorragend. Vor allem der von Gerhard Siegel skizzierte Protagonist ragte heraus, ein Sänger, der für seine Interpretation der Rolle des Mime im Wagners Ring mehrfach gefeiert wurde, die er an allen großen Theatern der Welt aufführte. Der bayerische Tenor ließ uns eine stimmlich und szenisch nahezu perfekte Interpretation anhören, indem er den neurotischen und perversen Charakter der Figur wiedergab, den Dessau in einer Gesangsschrift ausdrückte, die auf dem akuten Teil der Stimme beharrt, als ob sie eine Figur darstellen würde, die ausspricht schreit ununterbrochen, fast eine Parodie auf Hitlers hysterisches Gerede. Auch alle anderen Interpreten der zahlreichen anderen Rollen, die der Text vorsieht, waren exzellen dargestellt. Die Inszenierung von Franziska Kronfoth und Julia Lwowski hat die von Brecht gewünschte Atmosphäre, durch ein gepflegtes Schauspiel mit starker dramatischer Wirkung sowie die Psychologie der Charaktere szenisch perfekt wiedergegeben. Der Einsatz multimedialer Techniken wie Kameras, die den Charakteren folgten und Bilder auf Videobildschirme übertragen, wurde mit viel Geschmack und Effektivität durchgeführt, um eine szenische Gesamtatmosphäre fast wie ein dystopischer Albtraum zu schaffen.Das Ergebnis war ein wirklich starkes dramatisches Klima, überwältigend für die Zuschauer, die von der Ausdruckskraft der Spektakel tief beeindruckt waren und am Ende alle Darsteller einer sehr erfolgreichen Produktion lange Zeit applaudierten. Ein besserer Ausgang hätte man sich für einen Abend, der den Neustart des Theaterlebens hier in Stuttgart markierte, nicht wünschen können.

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mozart2006

Teacher, freelance musical journalist and blogger

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