Staatsoper Stuttgart – Don Carlos

Foto ©Matthias Baus

Don Carlos ist nicht nur die vierte Verdis Oper, die auf einem Theatertext von Friedrich Schiller basiert, sondern auch die Partitur, an der der italienische Komponist länger gearbeitet hat, da es fünf verschiedene Fassungen gibt: Die Ausgabe in fünf Akten, in französischer Sprache und mit dem Ballett, aufgeführt bei der Generalprobe 1866 an der Pariser Oper; die Partitur der Uraufführung von 1867, die im Vergleich zur ersten einige Schnitte und Modifikationen liefert; die 1872 in Neapel vorgestellte, in italienischer Übersetzung und mit Umschreibung einiger Passagen; die vierte Fassung, die 1884 an der Mailänder Scala aufgeführt wurde, ist in vier Akten und in italienischer Sprache, vollständig rediviert und überarbeitet, schließlich die Fassung in fünf Akten und immer mit dem Text in italienischer Sprache, aufgeführt 1886 in Modena ohne Anwesenheit von Verdi, aber mit dem seine Erlaubnis, mit dem ersten Akt der französischen Fassung, der in Schillers Stück nicht vorhanden ist, als Ergänzung zur vorherigen Partitur wieder eingefügt. Für diese neue Eröffnungsinszenierung der Spielzeit hat die Staatsoper Stuttgart beschlossen, das Werk in der Fassung von Modena aufzuführen, jedoch in französischer Sprache: Aus den Briefen von Verdi an die Librettisten geht hervor, dass der Musiker immer am Originaltext gearbeitet hat, auch wenn er die Musik umgeschrieben hat in den überarbeiteten Ausgaben und ließ das Text erst nach Fertigstellung der Komposition übersetzen.

Don Carlos ist ein Musikdrama, das ein beträchtliches exekutives Engagement für ein Opernhaus erfordert. Diese lange und komplexe Partitur, die fast vier Stunden Musik aus der organischsten und inspiriertesten Komposition enthält, die je von Verdi komponiert wurde, erfordert die Anwesenheit von sechs erstklassigen Sängern für die Hauptrollen sowie eines Dirigent und eines Regisseurs voraus, die in der Lage sind, sich damit auseinanderzusetzen die Handlung auf logische Weise und mit großer interpretativer Persönlichkeit, Vorstellungskraft und Talent für historische Erzählung. Die Neuinszenierung der Staatsoper Stuttgart erfüllte musikalisch und szenisch nur teilweise die hohen exekutiven Anforderungen, die ein Werk von solch grandioser und imposanter Struktur an alle Ausführenden stellt. Die Idee, die gesamte Ausführung einer Besetzung anzuvertrauen, die von jungen Sängern unter der Leitung eines Orchesterdirigent und eines Regisseurin, die auch beiden der jüngeren Generation angehören, gebildet wurde, könnte sicherlich interessant sein, aber konkret bot der Abend sehr wenig von der emotionale Sicht. Die Inszenierung der 35-jährigen niederländischen Regisseurin Lotte de Beer schien mir verwirrt, ungelöst und oft nicht sehr nachvollziehbar in der Realisierung der szenischen Effekte sowie insgesamt eintönig. Was in dieser Ausstellung fehlte, war vor allem die Bedeutung des großen historischen Freskos, das Verdi sich in dieser Partitur nach dem Theatermodell der Grand-Opéra ausgedacht hatte und das überarbeitet wurde, um den Kontrast zwischen privaten Leidenschaften und öffentlichem Verhalten hervorzuheben, das auf der Bühne von Charaktere eines königlichen Hofes des 16. Jahrhunderts dargestellt wird.

Foto ©Matthias Baus

Dazu müss man einige geschmackliche Fehler in der Schauspielerei der gesamten Besetzung hinzufügen: Unter denen, die mir ernster erschienen, werde ich die Bewegungen erwähnen, die eher für eine Carmen aus einem irgendwelchen Provinztheater als für eine spanische Prinzessin geeignet waren, die Eboli während des Canzone del Velo gezeigt hat; das Verhalten zwischen kindischer und autistischer borderline von Don Carlos und der gesamten ersten Szene des vierten Aktes, gespielt von Sängern im Schlafanzug und in Unterwäsche wie in einer billigen soap opera, schienen mir ehrlich tadelnd. Die Organisation der großen Chorszenen schien sehr unzulänglich und die ständige Anwesenheit einer Gruppe von Kindern, die sich in die Handlung einmischten, erschien mich oft irritierend. Insgesamt war es eine Inszenierung, die ich langweilig, langsam und unnötig umständlich in der Bühnenaktion sowie eintönig in ihrer ewigen Verbreitung von dunklen Farben fand. Mäßig und erfolglos war meiner Meinung nach auch die Idee, das Ballett La Peregrina in eine Pantomime zu verwandeln, wobei Verdis Musik durch hinzugefügten Schlagzeugen und Dissonanzen modifiziert wurde.

Foto ©Matthias Baus

Auch aus musikalischer Sicht wies die Aufführung verschiedene Mängel auf. Cornelius Meister, der 39-jährige Hannoveraner in seiner zweiten Spielzeit als Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart, ist ein Dirigent, den ich normalerweise sehr respektiere und zu dessen Interpretationen ich oftmals viele positive Meinungen geäußert habe. Für seine erste Annäherung an diese komplexe Oper schien mir Cornelius Meister an diesem Abend an Wirksamkeit und interpretativer Persönlichkeit zu fehlen. Sein dirigat wirkte oft unsicher, mit einem generell undifferenzierten Orchesterklang und einem allgemeinen Mangel an Ausgewogenheit: Zu oft wurden die Sänger auf der Bühne von dem Instrumentenklang, der aus dem Orchestergraben kam, überlagert und folglich gezwungen, die Stimmen zu forcieren. Außerdem konnte man von meiner Sitzplatz in der vierzehnten Reihe der Parkett, ein ständiges und ärgerlich Übergewicht der Blechbläser auf allen anderen Instrumentalabschnitten bemerken.

In dieser Situation konnte eine Besetzung, die aus jungen Sängern bestand, die alle in ihren jeweiligen Rollen debütierten, die Bedingungen nicht finden, um sich bestmöglich auszudrücken. Die Leistung von Olga Busuioc, einer 33-jährigen moldauischen Sopranistin, die im Juni dieses Jahres die Rollen von Margherita und Elena in der neuen Produktion von Mefistofele sehr überzeugend interpretiert hatte, wirkte sich jedoch sehr positiv aus. Die Stimme hat sehr schöne Klangfarbe, strahlenden hohen Tönen und die junge moldauische Sängerin hat die Punkte, in denen die spanische Königin im tiefen Stimmregister singen muss, auf technisch sehr kluge Weise verwaltet. Auch die szenische Darbietung wirkte insgesamt sehr effektiv und überzeugend. Der junge Bariton Björn Burger hätte theoretisch keine passende Stimme für Gewicht und Farbe im Verdi-Repertoire, aber er hat die Stimmcharakterisierung von Posa mit viel Intelligenz und Bewusstsein in der Phrasierung gelöst und es geschafft, viele interpretativ sehr wertvolle Dinge in seiner stimmlichen und szenischen Charakterisierung darzustellen. Goran Juric, sechsunddreißigjähriger kroatischer Bassist, der in der vergangenen Saison in Stuttgart einige sehr interessante Auftritte absolvierte, schien noch nicht bereit zu sein, eine so komplexe und facettenreiche Rolle wie die von König Philipp II. zu verkörpern, weder aus stimmlicher noch aus szenischer Sicht. Die Stimme klang oft undurchsichtig und indietro, das Legato schien unsicher und die Phrasierung fehlte fast immer in Vertiefung und Nuance. Sogar das szenische Verhalten wirkte unpersönlich, mit eine deutliche Mangel von königliche Autorität und Charisma.

Foto ©Matthias Baus

Die Leistung der anderen Interpreten der Hauptrollen schien ausgesprochen ziemlich negativ. Der italienische Tenor Massimo Giordano hat immer eine forcierte Stimme, die künstlich abgedunkelt klingt und dazu mit unsicheren Intonation insbesondere im ersten Akt. Das Singen ist immer anstrengend und eintönig in der Phrasierung, weil es mit einer solchen Gesangseinstellung unmöglich wird, nach Nuancen zu suchen und mit der Dynamik des Klangs zu beherrschen. Aus szenischer Sicht war sein Charakter auch derjenige, der am meisten unter den Auswirkungen einer Inszenierung litt, der ihn zu einer Art benachteiligtem Hellseher oder so was Ähnliches darstellte. Absolut widersprüchlich war Ebolis Interpretation der Mezzosopranistin Ksenia Dudnikova, die ständig übertrieben im Gesang und grob in der Schauspielerei erschien und außerdem in den hohen Tönen des “Don fatale” einige deutliche Probleme aufwies. Falk Struckmann, der 61-jährige gebürtige Heilbronner Bassbariton, der vor allem als Interpret des Wagner-Repertoires in allen großen internationalen Theatern eine wichtige und erfolgreiche Karriere ausgeführt hat, besitzt nicht die tiefe Bassstimme, die nötig ist, um sich als Großinquisitor auszugeben. Sogar die Phrasierung klang manipuliert und der vom Verdi-Stil geforderten Vokalität fremd. Gesanglich eher interessant waren der Moine, gesungen vom Wiener Bassbariton Michael Nagl und das Thibaut von der Sopranistin Carina Schmieger verkörpert, zwei jungen Sängern aus dem Opernstudio der Staatsoper. Das Theater war ausverkauft und das Publikum applaudierte lang und aufrichtig alle Interpreten dieser neuen Produktion, richtete jedoch mehrere Pfeifen und Buhrufe an das Regieteam. Und aus guten Gründen, meiner Meinung nach.

Un pensiero su “Staatsoper Stuttgart – Don Carlos

  1. Grazie! Ich habe gehofft, dass Sie darüber schreiben würden. Ein kurzer Ausschnitt aus dem Duett Posa/Don Carlos, das BR-Klassik zur Kritik sendete, hat mich gar nicht überzeugt. Ich werde am 8/11 selbst zu den Zusehern gehören, ich bin gespannt.

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