Staatsoper Stuttgart – Der fliegende Holländer

Foto ©Sebastian Hoppe

Die von Calixto Bieito konzipierte Inszenierung von Der fliegende Holländer ist ab 2008 an der Staatsoper Stuttgart im Repertoire. Die Inszenierung wurde in den letzten Spielzeiten mehrmals wieder aufgenommen, und das Publikum hat nach einigen Verwirrungen bei der Uraufführung immer große Wertschätzung für diese Regie gezeigt, die einen sehr innovativen Charakter hat, wie alle jene, die vom kastilischen Künstler erschaffen wurden. Calixto Bieito hat sein visuelles Konzept auf ein Klima des kollektiven Albtraums und des allgemeinen Pessimismus ausgerichtet.Die Grundidee zeigt uns eine Gruppe von Überlebenden eines Schiffswracks, die auf einem Schlauchboot auf einem unbekannten Land landen. Wie alle Inszenierungen von Bieito ist auch diese Produktion insgesamt mit Elementen und Details überladen, die dem Sinn der Geschichte und dem Verständnis der Handlung nichts hinzufügen. Wahrscheinlich ist dies der grundlegende Mangel einer Spektakel, der in einigen Szenen aufgrund der szenischen Spannung und des dramatischen Schauspiels sehr effektiv ist. Leider wird der narrative Rhythmus vielerorts durch Abschweifungen gebremst, die völlig überflüssig erscheinen und nicht mit der Musik harmonieren. In Übereinstimmung mit dem dramaturgischen Konzept wurde die Partitur in dieser Produktion in der Originalfassung von 1841 aufgeführt. Wagner konzipierte die Partitur in Paris, konnte die Oper jedoch nicht aufführen und bot sie schließlich dem Semperoper Dresdner an, in das Der fliegende Holländer mit zahlreichen Änderungen der Partitur und Instrumentierung uraufgeführt wurde. Weitere Anpassungen wurden von Wagner im Jahre 1860 vorgenommen, von denen die wichtigste der neue Abschluss der Ouvertüre im “tristanischen” Stil war, der am Schluss wiederholt wird um der Geschichte ein Gefühl der Erlösung zu geben. In der Urfassung ist die Handlung in Schottland angesiedelt wie in Heinrich Heines Romanfragment, den Wagner als dramaturgische Quelle verwendete. Dem schottischen Milieu gemäß heißt Daland gut englisch Donald und Erik Georg. Donalds Tochter heißt, nachdem sie zunächst den Namen Anna trug, bereits Senta, was allen Spekulationen, der Name könnte nordischen oder gar norwegischen Ursprungs sein, den Boden entzieht. Insgesamt weist die Originalversion zahlreiche Details auf, die für den Zuhörer von großem Interesse sind, angefangen von der wesentlichen kompakteren und massiveren Instrumentierung. Zu dieser Einheitlichkeit gehört auch, dass die Ballade der Senta ursprünglich einen Ganzton höher steht, denn a- und nicht g-Moll ist die eigentliche Balladentonart. Die Transposition war nötig geworden, weil selbst eine so herausragende Sängerin wie Wilhelmine Schröder-Devrient, die Senta der Dresdener Uraufführung, Schwierigkeiten mit der Partie hatte.

Die Besetzung, die die Staatsoper für diese Wiederaufnahme ausgewählt hatte, ließ uns eine sehr gute musikalische Darbietung hören, viel besser als die, die ich in den letzten Jahren im Bayreuther Festspielhaus in den Produktionen dieses Stück gehört habe. Eine echte Überraschung und eine authentische Offenbarung war die Senta von Elisabet Strid, einer 43-jährigen schwedischen Sopranistin mit einer wahren Wagner-Stimme, kraftvoll und mit hohen Tönen, die wie Stahl glänzen. Die leidenschaftliche Phrasierung, die Leichtigkeit, die Passagen der schwierigen ursprünglichen Stimmstruktur der Ballade zu unterstützen, und der interpretative Ton der tragischen Verzweiflung waren die offensichtlichsten Aspekte der Interpretation eines großen Künstlers. Hervorragend war auch die szenische und vokale Darbietung von Liang Li, einem Sänger mit kraftvoller Bassstimme, bronzenen Resonanzen und Autorität in der Phrasierung, als Donald. Georg, der unglückliche Liebhaber von Senta, wurde von Matthias Klink gespielt, dem gebürtigen Fellbacher Tenor, der wegen seiner Intelligenz als Schauspieler und seiner flexiblen Stimme seit Jahren einer der beliebtesten Sänger des Stuttgarter Publikums ist. Wie in vielen anderen Interpretationen war Klinks Auftritt sowohl vokal als auch szenisch nahezu perfekt. Die Art und Weise, wie der 51jährige schwedische Bassbariton John Lundgren die Rolle des Holländers darstellte, war sehr wirkungsvoll und wurde in den schmerzhaften und gequälten Tönen des Charakters durch eine Formulierung, die in den Details gut betont klang, sehr gut hervorgehoben. Die Leistung der jungen Fiorella Hincapiè, die in der Rolle der Mary eine schöne dunkle, resonanzreiche Stimme zeigte, war auch sehr gut. Der argentinische Tenor Daniel Kluge bestätigte noch einmal seine interpretative Intelligenz auch bei der Charakterisierung des Steuermanns.

Die exzellenten Eigenschaften der Besetzung wurden durch die musikalische Leitung des 36-jährigen Freiburger David Afkham sehr wirkungsvoll unterstrichen. Der deutsche Dirigent, der Assistent von Bernard Haitink war und einen Bruder hat, der als Bratschist in den Berliner Philharmonikern spielt, war bereits mit einigen Sinfoniekonzerten in Stuttgart erfolgreich aufgetreten und zeigte auch als Operndirigent ein wirklich außergewöhnliches musikalisches Begabung. Sein Dirigat war voller romantischer Leidenschaft, mit einem perfekten Gespür für theatralische Erzählungen und sehr bemerkenswert in die Pflege des Orchesterklanges und für die Definition von Instrumentalfarben. Das Staatsorchester Stuttgart spielte mit großartiger Präzision und stilistischer Angemessenheit. Der Auftritt des Chores der Staatsoper war wie immer für seine klangliche Kompaktheit und sein schauspielerisches Talent in Massenszenen zu loben. Der junge Musiker aus Freiburg hat damit bestätigt, dass er ein Künstler ist, dem er in den nächsten Jahren unbedingt zu folgen ist. Das Publikum der Staatsoper hat alle Darsteller einer Wagner-Aufführung, die für das bemerkenswerte künstlerische Niveau auf der Bayreuther Bühne würdig präsentiert werden konnte, lange und intensiv geklatscht.

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