Staatsoper Stuttgart – Mefistofele

Foto ©Thomas Aurin

Auch die letzte neue Produktion der Spielzeit an der Staatsoper Stuttgart wurde mit großem Erfolg aufgenommen. Die künstlerische Leitung hat beschlossen, eine neue Inszenierung der Mefistofele von Arrigo Boito vorzustellen, ein Werk, das in der Vergangenheit zum größten Repertoire gehörte, heute aber etwas aus der Mode kommt. Als Beweis für die künstlerischen Ergebnisse des italienischen Kulturlebens des späten neunzehnten Jahrhunderts, in dem dringend ein Nachfolger der dominierenden Figur von Giuseppe Verdi gesucht wurde, fehlt es nicht an Interesse. Heute kann man jedoch mit Sicherheit sagen, dass der Versuch, Goethes monumentales Gedicht in Musik zu setzen, deutlich über den künstlerischen Möglichkeiten von Arrigo Boito lag. Der Künstler aus Padua war ein raffinierter Kulturmensch, ein leidenschaftlicher Reisender, der in der Lage war, Fremdsprachen gut zu beherrschen, und daher sehr gut informiert darüber, was im Theaterbereich über die italienischen Grenzen hinaus produziert wurde. In diesem Zusammenhang kann man daran erinnern, dass Boito einer der ersten leidenschaftlichen italienischen Berater von Wagners Musik war und daher von dem er persönlich für sein Engagement durch den berühmten Brief an einen italienischen Freund gedankt wurde. Auch nach dem großen Erfolg der künstlerischen Zusammenarbeit mit Verdi wurde Boito nach 1890 eine Art Pontifex Maximus des italienischen Musiklebens und seine Hilfe war bedeutungsvoll für die Affirmation junger talentierter Künstler wie Giacomo Puccini und später Arturo Toscanini, den er für die musikalische Leitung der Scala empfahl. Als Komponist war Boito jedoch nicht sehr inspirierend und heute klingt die Musik des Mefistofele altmodisch und staubig in seiner zerschlagenen Mischung aus Wagnerschen Chromatismus mit Melodien, die denen der Salonlieder von Francesco Paolo Tosti oder Arturo Buzzi-Peccia sehr ähnlich sind.

Foto ©Thomas Aurin

Aus der Sicht der Realisierung bietet das Werk von Boito mit seinen opulenten Chorszenen einem Theater jedoch hervorragende Chancen, das künstlerische Niveau der Massen zu zeigen. Für diese von der Staatsoper Stuttgart gemeinsam mit der Opéra de Lyon produzierte Show wurde die Inszenierung Alex Ollé anvertraut, einem der künstlerischen Leiter des Theaterkollektivs La Fura dels Baus, eines der innovativsten und renommiertesten Theaterunternehmen der internationalen Szene, das 1979 gegründet wurde. Die katalanische Gruppe ist berühmt für die spektakuläre Art ihrer Produktionen, die sich meiner Meinung nach nicht sehr gut in das Operntheater einfügen und zu oft Installationen gegenwärtiger Kunst ähneln, die der Bedeutung von Musik völlig fremd sind. In diesem Fall wurde jedoch Boitos pompöser Musikstil durch die Inszenierung sehr effektiv hervorgehoben. Die von Alfons Flores für den Prolog und den Epilog entworfene Bühne gliedert sich in zwei Ebenen: Im oberen Teil sahen wir eine Struktur von leuchtenden Parallelepipeden, die vage an das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin erinnerte, im Gegensatz zu einem Keller, der als Residenz Mephistopheles fungierte. Der ausgeprägte Kontrast zwischen Licht und Dunkelheit betonte die Stimmung der beiden Szenen sehr gut. Im ersten Akt blieb die Bühne unverändert, während die zentralen Akte in einer Metallstruktur mit Stufen stattfinden, die von stroboskopischen Lichtern beleuchtet werden, wie in einer Disco von billiger Qualität. Insgesamt war die Inszenierung angenehm und in ihrer Wirkung sehr gut aufgehoben, mit einem effektiven Schauspiel sowohl der Massen als auch der Solisten.

Was den musikalischen Teil angeht, so sind der oft virtuose Stil von Arrigo Boitos Orchesterschreiben und das Vorhandensein opulenter Massenszenen eine interessante Herausforderung für Orchesterdirigenten. Daniele Callegari, ein 59-jähriger Mailänder Musiker mit einer exzellenten internationalen Karriere, hat mit seinem Dirigat alle dynamischen Verfeinerungen der Partitur sehr gut bewiesen und eine perfekte Balance mit den vom Staatsopernchor hervorragend realisierten Chorszenen geschaffen, die auch ihre bemerkenswerten schauspielerischen Fähigkeiten unter Beweis gestellt haben. Das Staatsorchester Stuttgart spielte mit großer Präzision und schönem Klang. Die grandiosen Schlussfolgerungen des Prologs und des Epilogs sowie die dunklen und lebendigen Orchestertöne des Präludiums zur Gefängnisszene waren die besten Momente einer maßgeblichen und in allen Einzelheiten sehr genauigen Interpretation.

Foto ©Thomas Aurin

Die Leistung der Besetzung war ebenfalls sehr positiv. Der 40-jährige finnische Bassist Mika Kares, festes Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper, verfügt über das für die Rolle des Mephistopheles notwendige histrionische Talent und die szenische Ausstrahlung. Die Stimme ist nicht wirklich die des tiefen Basses mit dämonischen Resonanzen, aber die Phrasierung war sehr fein und detailreich in den Arien. In vielerlei Hinsicht war die Interpretation der dreiunddreißig moldauischen Sopranistin Olga Busuioc eine Überraschung und eine echte Entdeckung. Die Stimmfarbe ist von hervorragender Qualität, mit hellen und sonoren hohen Tönen. Die Leidenschaft der beiden weiblichen Figuren, die für die Protagonistin die gegensätzlichen Aspekte des Lebens symbolisieren, hat die junge Sängerin wunderbar wiedergegeben. Eine großartige Interpretation eines Künstlerin, die in den kommenden Jahren aufmerksam verfolgt werden soll. Die Darstellung des Tenors Antonello Palombi als Faust war fachlich korrekt, wenn auch nicht sehr bedeutend. Es muss jedoch zu seiner Verteidigung gesagt werden, dass der Sänger den szenischen Teil in nur sechs Tagen lernen musste, nachdem er kurz vor der Generalprobe eingetroffen war, um einen Kollegen einzuspringen, der abgesagt hatte. In den Nebenrollen zeigten Fiorella Hincapiè und Christopher Sokolowski, zwei junge Sänger des Opernstudios, farbenprächtige Stimmen mit sehr präziser Intonation. Insgesamt war es eine sehr erfolgreiche Ausführung eines Werkes, das nicht allzu oft im Theater zu sehen ist.

2 pensieri su “Staatsoper Stuttgart – Mefistofele

  1. “altmodisch und staubig” Oh wirklich? Ich hätte die Oper dennoch gerne gehört. Ich bin schon ganz froh wenn man einmal nicht die ganz gängigen italienischen Opern hört. Freue mich auf Adriana Lecouvreur im September hier und fand letzte Saison La Gioconda und Arleisana sehr schön – alle zum ersten Mal gehört.

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