Staatsoper Stuttgart – Der Prinz von Homburg

Foto ©Wolf Silveri

Mit Der Prinz von Homburg von Hans-Werner Henze, der fünften Neuproduktion der aktuellen Saison, wollte die Staatsoper Stuttgart einen Künstler würdigen, der besonders an seiner jüngeren Geschichte verbunden war. Unter den zeitgenossigen Komponisten die Theaterwerke von Hans-Werner Henze wurden regelmäßig ab 1975 in Stuttgart aufgeführt, als der damalige Intendant Hans Peter Doll zum ersten Mal für eine Zusammenarbeit mit der Staatsoper den Künstler einlud. Der Komponist war nach dem politischen Skandal des Oratoriums Das Floß der Medusa, dessen Uraufführung in Hamburg von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten geprägt war, fast aus der deutschen Szene verbannt worden. Mit der kulturellen Offenheit, die es seit jeher auszeichnet, wurde die Stadt Stuttgart zu einem sicheren künstlerischen Zufluchtsort für Henze, der bis 1985 quasi als Artist in Residence des Theaters fungierte und viele seiner Werke an der Staatsoper inszenieren ließ, einschließlich der Uraufführung der Oper König Hirsch in Vollversion. Für die Bühnenadaption von Heinrich von Kleists Drama, das ihm 1958 von der Hamburgischen Staatsoper in Auftrag gegeben wurde, wandte sich Henze an die österreichische Dichterin, Schriftstellerin und Journalistin Ingeborg Bachmann, die ihm bereits die Texte für das Radiodrama Die Zikaden und den Pantomimetanz Der Idiot zur Verfügung gestellt hatte. Das Werk wurde etwa dreißig Jahre später vom Komponisten überarbeitet, und die Uraufführung der überarbeiteten Fassung fand 1991 an der Bayerischen Staatsoper unter der Leitung von Wolfgang Sawallisch statt. Kleists Drama war erst nach dem Tod des Autors vertreten und erlebte mehrere Probleme mit der Zensur, weil die preußische Mentalität die szenische Darstellung eines schlafenden Prinzen und Generals, der die Befehle nicht befolgte und den Tod fürchtete, nicht dulden konnte. Das Thema der Insubordination war in Preußen des 19. Jahrhunderts besonders heiß und für die damalige Militärwelt absolut unerträglich. Stattdessen ist das Stück gerade für diese Aspekte sehr faszinierend für die Sensibilität des heutigen Publikums, die in den Anliegen des Protagonisten voll anerkannt sich kann. Kleists Lösung ist ebenso brillant wie unwirklich: Da ein Akt der Gnade von oben eine Tyrannei-Willkür sein würde, von diesem klassischen Tyrannen, den der Kurfürst nicht will, ruft er den Täter auf, selbst zu entscheiden, ob die Todesstrafe richtig ist oder ungerecht, so dass es zwangsweise wieder in die moralische Sphäre und in die objektive Gemeinschaft des Staates eingeführt wird. Die Elemente des Dramas werden von Kleist mit einem wirklich fesselnden Theatergefühl umrissen. Ein Held, der Angst vor dem Tod hat, eine Frau, die eine aktive politische Rolle ausübt, ein Offizier, der sich für den zivilen Ungehorsam einsetzt, ein Souverän, der fähig ist, zuzuhören und sich von den getroffenen Entscheidungen zurückzuziehen. Um die letzten Worte des Dramas (die dem offensichtlichen und rhetorischen patriotischen Schluss vorausgehen) zu zitieren: “Nein, sag! Ist es ein Traum? – Ein Traum, was sonst?”.

Foto ©Wolf Silveri

Die szenische Bearbeitung von Ingeborg Bachmann hebt die Traumaspekte der Geschichte bis zum Äußersten hervor und Henze lässt sich dazu inspirieren, eine Partitur zu komponieren, die völlig reich an technischer Virtuosität ist. Das Klangklima mischt stilistische Elemente des Serialismus mit bezaubernden Klangatmosphären in seiner verfeinerten Raffinesse, beginnend mit die leere Quinte des instrumentalen Vorspiels. Henzes Musik hebt auf sehr einnehmende Weise die humanitären Themen der Geschichte hervor, wie den Konflikt zwischen Traum und Wirklichkeit und zwischen Liebe und Pflicht. Bei dieser Aufführung an der Staatsoper Stuttgart wurden alle diese Aspekte in perfekter Weise unter das Dirigat von Cornelius Meister, dem 38-jährigen Generalmusikdirektor des Haus, der sein Debüt als Operndirigent  genau mit einem Werk von Henze, Pollicino, in Hamburg gab, unterstrichen. Die perfekte Klangrealisierung der von Henze vorgestellten instrumentalen Effekte, die von einem Staatsorchester in ausgezeichneter Form in die Praxis umgesetzt wurden, machte diese Interpretation aus allen Aspekten vorbildlich und exemplarisch.

Foto ©Wolf Silveri

In die Besetzung imponierte sich vor allem der englische Bariton Robin Adams in die Hauptrolle, sowie die autoritäre und charismatische Kurfürstin von Helene Schneidermann, die technisch sehr zuversichtliche heroische Tenorstimme von Stefan Margita als Kurfürst und die berührende, sehr menschliche aber auch determinierte Natalia von Vera-Lotte Böcker verkörpert. Das Verhalten aller anderen Sänger in der Besetzung ist ebenfalls ausgezeichnet. Die Inszenierung des aus Stuttgart stammenden Regisseurs Stephan Kimmig hat die Atmosphäre, das zwischen Melancholie und Fatalismus der Geschichte schwebte, durch eine sehr genaue Rezitation angemessen hervorgehoben. Die von Katja Haß entworfene Bühne zeigte eine wesentliche Struktur, die ein gemischtes Bild zwischen einem Ballettsaal und einem Schlachthof hervorrief, wobei die Charaktere in der Schlussszene T-Shirts trugen, deren Schriften Freiheit und Toleranz priesen. Insgesamt war es eine intelligente Inszenierung ohne Geschmacksunterschiede, die sehr gut zur Musik passte. Ein sehr großes Publikum besuchte die Aufführung und der Erfolg war sehr lebhaft, mit heftigem Beifall für alle Protagonisten der Produktion.

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Un pensiero su “Staatsoper Stuttgart – Der Prinz von Homburg

  1. Ah, hier ist der deutsche Text! Jetzt habe ich den Beitrag auf Italienisch gelesen! Schön auch, dass Heinz Göhrig immer noch singt, den ich oft und gerne gehört habe! So ein Sänger in einem Ensemble ist Gold wert!

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