Staatsorchester Stuttgart – “Was ist nah?”

Foto ©Licht-Schein/Sebastian Klein Fotografie

Nach den letzten Aufführungen von Lohengrin und das schönen Kammerkonzert als Pianist, ist Cornelius Meister wieder auf dem Pult des Staatsorchesters Stuttgart zum dritten Sinfoniekonzert der Saison in der Liederhalle zurückgekehrt. Das Konzert war ein weiterer überaus überzeugender Beweis für das ungewohnliche Talent des jungen Generalmusikdirektors, der bei dieser Auftrittt erneut das zwischen ihm und dem Orchester gewachsene Gefühl und das gegenseitige Verständnis bestätigt hat. Selbst das Stuttgarter Publikum scheint sich definitiv von den künstlerischen Qualitäten des 38-jährigen Hannoveraner Dirigent überzeugt zu haben. Durch eine klare, ausdrucksstarke und elegante Geste in Kombination mit der Persönlichkeit eines wirklich hochkarätigen Künstlers kann Cornelius Meister besonders in dem romantischen Repertoire, das für seine Eigenschaften als Musiker am besten geeignet erscheint, Aufführungen von hohem Niveau durchführen. Das Programm, das von Meister für dieses Konzert ausgewählt wurde, bestand aus drei Stücken mit dem gemeinsamen Charakteristik, von Künstlern komponiert worden zu sein, die in ihrer Karriere durch die Erwägung über ihre Beziehung zum Heimatsland vereint wurden. Das symphonische Dichtung Zlatý kolovrat (Dal goldene Spinnrad) op. 109 von Antonin Dvořák erzählt musikalisch ein altes Volksmärchen, das auf dem Thema eines Identitätsaustausches basiert, der mit blutigen und schrecklichen Details dargestellt wird. Cornelius Meister hob die reiche und farbenreiche Instrumentierung des Stücks perfekt hervor und betont mit großer Aufmerksamkeit die Rhythmen des Volkstanzes. Wirklich exzellent war die Vorbereitung auf den trumphalen Schlußabschnitt, bei dem Blechbläser-Fanfaren den musikalischen Abschluss der Geschichte bilden.

Eine der besten Interpretationsfähigkeiten des geburtigen Hannovers Dirigent ist sicherlich das Wissen, wie Instrumentalfarben und -phrasen in Bezug auf die stylistiche Merkmale eines Stücks unterschieden werden können. Im Mendelssohns Violinkonzert op. 64 wurden die Feinheiten der Orchestrierung und die ekstatische Atmosphäre, die der Komponist hervorbrachte, durch ein raffiniert Dirigat mit wertvollen Details perfekt unterstrichen. Die Solopartie des Konzerts wurde durch die Aufführung von Alina Pogostkina, 35 Jahre alten russischen international renommierte Geigerin, die von Deutschland eingebürgert wurde, perfekt hervorgehoben. Pogostkina, die für den erkrankten Renaud Capucon kurzfristig eingesprungen ist, gilt heutzutage als eine der am meisten geschätzten jungen Violinistinnen auf internationaler Ebene, sowohl für ihres instrumentalen Begabung als auch wegen ihrer vom Barock bis zur zeitgenössischen Musik umfassender Repertoire. Die junge Künstlerin, die bereits mehrmals mit Cornelius Meister konzertiert hat, spielt technisch raffiniert und kann von seinem Instrument, der Stradivari “Sasserno” von 1717, eine kostbare und verfeinerte Klangfarbe mit einem vierten leuchtenden und glänzende Saite ableiten. Die Phrasierung in der ersten Satz war von großer Eleganz, in Nuancen verfeinert und stilistisch tadellos. Sie wurde perfekt von der Leitung von Meister unterstützt, der sehr gewandt darin war, die Klangfarbe des Orchesters an den klaren, zarten und silbrigen Klang des Geigers in perfekter Einheit von interpretativen Intentionen anzupassen. Absolut großartig war der interpretative Ton von ergreifender und idyllischer Emotionalität, mit dem die aus St. Petersburg gebürtige Violinistin das Adagio gespielt hat und die melodische Linie mit außergewöhnlicher Eloquenz auf leidenschaftliche Weise entwickelt, mit ausdrucksstarker und nuancierter Phrasierung. Ein drittes Satz, virtuosistisch glänzend und spektakulär für Souplesse und Eleganz, besiegelte eine Auftritt auf höchstem Niveau. Das Publikum der Liederhalle applaudierte lange Zeit der jungen Geigerin, die eine äußerst raffinierte und elegante Ausführung des Gavotta en rondeau aus Bachs Partita N° 3 BWV 1006 als Zugabe bravourös gespielt hat.

Im zweiten Teil des Programms lieferte Cornelius Meister einen weiteren Beweis seiner Klasse mit einer großartigen Aufführung von Béla Bartóks Concerto for Orchestra. Glänzende und scharfe Stempel in einem instrumentalen Kontext großer Transparenz und Leichtigkeit, eine sehr bewegliche Formulierung und eine sorgfältige Analyse der Dynamik waren die Hauptmerkmale einer Lesung, in der die Natürlichkeit und Spontanität der Ausstellung besonders geschätzt wurde. Bartoks Orchestermusik verwendet Meister nicht, um virtuose Geschicklichkeit oder symphonische Pracht als Selbstzweck zu zeigen, sondern handelt zunächst von einer sorgfältigen Einhaltung des musikalischen Inhalts der Partitur. Das Staatsorchester Stuttgart hat sich aufgrund seiner Kompaktheit und Präzision hervorragend bewährt, insbesondere bei den Giuoco delle coppie, bei denen die Bläser einen hervorragenden Virtuositätsbeweis hinterlassen haben. In Bartók habe ich immer die scharfen und durchsichtigen Töne bevorzugt, den flexiblen Rhythmus, der nie übermäßig betont wurde. In diesem Sinne war die Interpretation von Cornelius Meister ein perfektes Beispiel für diejenigen, die meinem persönlichen Geschmack am nächsten kamen, sicherlich eine der besten, die ich von diesem Meisterwerk gehört habe, das einen grundlegenden Punkt in der sinfonischen Literatur des 20. Jahrhunderts darstellt. Begeisterter Applaus aus einem sehr zahlreichen Publikum mit einer großen Präsenz junger Menschen begrüßte den Abschluss eines absolut erstklassigen Konzerts. Es wurde hierdurch weiter bestätigt, dass Cornelius Meister wirklich einen großen Gewinn für das Musikleben von Stuttgart ist.

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Un pensiero su “Staatsorchester Stuttgart – “Was ist nah?”

  1. Danke für diesen schönen Einblick in das Stuttgarter Musikleben. Ich schätze auch Alina Pogostkina sehr und durfte sie schön früh bei uns in der bayerischen Kleinstadt Traunstein kennenlernen: sie ist regelmäßig zu Gast beim Chiemgauer Musikfrühling.

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